„Türkisch-russischer Tanz“ – Wie Erdogan & Putin den Westen austricksen!

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von Guido Grandt

Die Aufregung ist groß: Von Brüssel bis nach Berlin, ja sogar bis über den großen Teich nach Washington. Der Grund: Die beiden „bösen Despoten“ Recep Tayyip Erdoğan und Wladimir Putin haben sich wieder zusammengerauft, das Verhältnis ihrer beiden Länder normalisiert. Beim historischen Handshake am 9. August 2016 in Sankt Petersburg rufen sie sogar eine „neue Epoche“ aus. Das alles treibt den Politikern in den USA, der EU und in Deutschland nicht nur die Zornesröte ins Gesicht, sondern auch den Angstschweiß auf die Stirn.

Europas größte Boulevard-Zeitung, die Bild, titelte sogleich: „Kommt jetzt das russ-manische Großreich?“[1] Und weiter: „Zar Wladimir empfing den Bettel-Sultan.“ Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass das geplante Milliardenprojekt der Gaspipeline Turk Stream, „Russengas“ ins Land bringen soll.

Wieder einmal fällt jedoch der wichtigste Aspekt, die Europäische Union und Deutschland betreffend, unter den journalistischen Tisch. Und dieser ist nicht nur peinlich für die Europäer, sondern für die gesamte EU geradezu existentiell!

Doch der Reihe nach…

Doppelmoral und Erdogan-Bashing

Die Diskussionen um den „bösen“ Erdogan gehen hierzulande munter weiter: Der Putschversuch in der Türkei, die bevorstehende Abstimmung über die Todesstrafe, der Flüchtlingsdeal, die Annäherung an Russland…

Kaum ein Tag, an dem nicht über den „starken Mann am Bosporus“ geschimpft wird. Dabei erinnert das Erdogan-Bashing frappierend an das gegen Wladimir Putin. In der Tat: Jeder, der sich nicht die US-amerikanisch geführte Gängelleine der EU überstülpen lässt, ist automatisch ein „Feind“.

Sicher, in weiten Teilen ist die Diskussion um Erdogans Politik berechtigt. In anderen wiederum nicht oder von Doppelmoral überschattet. Beispielsweise hinsichtlich der Todesstrafe: Demnach dürften die Europäer keine Beziehungen mehr mit den US-Amerikanern, den Saudis, den Iranern und den Chinesen führen. Denn in all diesen Ländern werden heute noch Menschen hingerichtet. Und zwar laufend.

Orientalische Schläue und russische Strategie

Egal, welche Motivation hinter dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan auch stecken mag, ganz eindeutig hat er mit Wladimir Putin zusammen die Obama-USA, die Juncker-EU und das Merkel-Deutschland regelrecht „ausgetanzt“. Mit orientalischer Schläue und russischer Strategie ausgetrickst.

Betrachten wir zunächst einmal die Türkei. Erdogan hat es mit dem Flüchtlingsdeal verstanden, der von Bundeskanzlerin Angela Merkel maßgeblich eingefädelt wurde, die EU von sich abhängig zu machen. Demnach wird jeder Syrer, der aus der Türkei nach Griechenland kommt, von Ankara zurückgenommen. Im Gegenzug dazu nimmt die EU Syrer direkt aus türkischen Flüchtlingslagern auf, um sie dann unter den Mitgliedsstaaten zu verteilen.

Ich aber sage Ihnen, warum die EU überhaupt kein Interesse daran hat, die Beziehungen zur Türkei ganz aufs Spiel zu setzen. Es geht nämlich keineswegs um die Lösung der Flüchtlingskrise oder um die Diskussionen um die Todesstrafe oder den Putsch. Auch wenn es Ihnen so von den EU-Politikern und den Medien verkauft wird. Vielmehr geht es um etwas ganz anderes. Um etwas Elementares: Um die Sicherung der Zufuhrwege von Erdöl und Erdgas nach Europa!

Hintergründe, die zumeist verschwiegen werden

Vielleicht wissen Sie noch: Wegen nicht bezahlter Rechnungen drehte Russland der Ukraine 2009 sprichwörtlich den Gashahn zu. Damit wurde gleichzeitig auch die EU von ihrer wichtigsten Erdgas-Quelle abgeschnitten. Denn 36 Prozent der europäischen Gasversorgung fließt durch Pipelines aus Russland in die Ukraine und dann weiter. Deutschland importiert mehr als ein Drittel davon. Ungarn mehr als 80 Prozent. Und die Slowakei hängt zu fast 92 Prozent von russischen Gasimporten ab.

Hektisch versuchten die EU-Verantwortlichen damals eine diesbezügliche Energieknappheit zu verhindern. 2014 hörte man aus dem Bundeswirtschaftsministerium, dass die Türkei ihre Rolle als Schnittstelle zwischen den europäischen Absatzmärkten und den energiereichen Ländern im Nahen Osten und Zentralasien (den Staaten am Kaspischen Meer) ausbauen will. Als Transitland würde sie vor allem für den Erdgastransport immer wichtiger.

Damit die Europäer ihre Energie-Abhängigkeit vom dem in Ungnade gefallenen Russland reduzieren können, arbeiten sie mit Hochdruck daran, alternative Zufuhrwege nach Europa zu schaffen. Und zwar mit zwei neuen Großprojekten.

Alternativ-Gas für die EU

Das erste ist die rund 2000 Kilometer lange Trans Anatolian Natural Gas Pipeline (TANAP). Diese befindet sich derzeit noch im Bau und soll 2018 in Betrieb genommen werden. Die Pipeline, die jährlich zwischen 16 und 31 Milliarden Kubikmeter Erdgas transportieren soll, wird durch die Türkei verlaufen und die ebenfalls geplante Trans Adriatic Pipeline (TAP) über die South Caucasus Pipeline (SCP) mit dem aserbaidschanischen Gasfeld Schah Denis verbinden. Die 690 Kilometer lange SCP wiederum führt von Baku über das georgische Tiflis bis ins türkische Erzurum. Sie pumpt Gas vom Kaspischen Meer in das Gastransportsystem der Türkei. Die 870 Kilometer lange TAP soll durch Griechenland, Albanien und das Adriatische Meer nach Süditalien verlegt werden. Sie wird 2020 in Betrieb genommen und soll jährlich etwa 10 bis 20 Milliarden Kubikmeter Erdgas transportieren.

Das zweite Großprojekt ist die Iran-Turkey-Europe Natural Gas Pipeline (ITE). Über diese Leitung sollen vom Iran über die Türkei jährlich 35 Milliarden Kubikmeter iranisches und turkmenisches Erdgas nach Europa geleitet werden. Die insgesamt 5000 km lange Pipeline – 1750 km werden durch die Türkei verlaufen – soll nach offiziellen Plänen 2016 vollends fertiggestellt werden.

Außerdem gibt es noch diese wichtigen Erdöl- und Gaspipelines in der Türkei:

Pipeline Produkt Herkunft Kapazität Länge in (km) Anmerkung
Kirkuk-Ceyhan Pipeline Erdöl Kirkuk (Nordirak) 70,9 Mio. t pro Jahr 986 Exportpipeline; besteht aus zwei parallel verlaufenden Leitungen
Baku-Tiflis-Ceyhan Pipeline (BTC) Erdöl Aserbaidschan 1 Mio. Barrel pro Tag 1.770 Exportpipeline
Ceyhan-Kirikkale Pipeline Erdöl Ceyhan-Terminal 5,0 Mio. t pro Jahr 448 für heimischen Markt; Beförderung in die Ölraffinerie in Kirikkale, nahe Ankara
Batman-Dörtyol Pipeline Erdöl Batman (Südostanatolien) 3,5 Mio. t pro Jahr 511 für heimischen Markt
Blue Stream Pipeline Erdgas Russland 16 Mrd. cbm pro Jahr 1.200 überwiegend für den Export; verläuft 380 km unter dem Schwarzen Meer nach Ceyhan
Baku-Tiflis-Erzurum Pipeline (BTE) Erdgas Aserbaidschan 7 Mrd. cbm pro Jahr 692 für heimischen Markt
Tabriz-Dogubayazit Pipeline Erdgas Iran 20 Mrd. cbm pro Jahr k.A. für heimischen Markt
Bulgarien-Türkei Pipeline Erdgas Bulgarien 22 Mrd. cbm pro Jahr k.A. für heimischen Markt

Sie sehen also: Weil die Europäer nicht mehr vom russischen Gas (durch Pipelines in der Ukraine) abhängig sein wollen, haben sie ihre Seele Erdogan verkauft. Er hält alle Zügel in der Hand. Denn die alternativen Rohstoff-Zufuhrwege führen über sein Territorium.

In Wirklichkeit also geht es nur vordergründig um den Flüchtlingsdeal zwischen der EU und der Türkei. Tatsächlich liegen die Interessen der EU an den Rohstofflieferungen über das osmanische Gebiet. Die Frage ist: Wenn die EU hinsichtlich des Energiebedarfs nicht mehr von Russland abhängig sein will und es sich auch mit der Türkei verscherzt – welche alternative Zufuhrwege für Erdöl und Gas gibt es dann noch?

Aus diesem Grund sind alle Drohungen aus Brüssel Richtung Ankara nicht mehr als bloße Lippenbekenntnisse. Nur heiße Luft. Oder glauben Sie wirklich, dass die EU die europäische Energieversorgung aus dem Nahen Osten und Zentralasien durch Flüchtlingsquoten oder Todesstrafe-Debatten ernsthaft gefährdet?

Ich jedenfalls nicht.

Putin und Erdogan schaffen eine Neuordnung im Nahen Osten

Hinzu kommt, dass es im Streit zwischen den Europäern einerseits und den Türken und den Russen andererseits, längst zwei Gewinner gibt. Nämlich Recep Tayyip Erdoğan und Wladimir Putin. Wie bereits angedeutet haben die beiden Staatsmänner ihre Differenzen beigelegt. Neben der Türkei bindet der russische Staatspräsident aber auch den Iran und Israel in seine geostrategischen Pläne mit ein. Und das ziemlich klug.

So ist es ihm gelungen, die schiitischen Iraner und die sunnitischen Türken zusammenzubringen. Nicht zu vergessen, dass auch die irakische Regierung schiitisch dominiert ist. Syriens Präsident Assad ist wiederum ein Partner des Iran. Und die im Libanon erstarkte Hisbollah erkennt Ali Khamenei, das geistliche Oberhaupt des Iran, ebenfalls als ihren Führer an. Über all dem thront Putin wie ein Puppenspieler, der damit der muslimischen Welt signalisiert, die Interessen des schiitischen Iran und der sunnitischen Türkei zu vertreten. Sicher, die Bedrohung durch den gemeinsamen Feind, der Terrororganisation Islamischer Staat, hilft ihm dabei.

Dennoch: Wenn das kein Meisterstück ist, dann weiß ich auch nicht!

Ein solches ist Putin auch hinsichtlich Israels gelungen. Gerade in den letzten Monaten kam es zu einer Annäherung beider Länder. Geschickt nutzte der russische Präsident dabei die Spannungen zwischen US-Präsident Barack Obama und Israels Premier Benjamin Netanjahu aus, die durch das Atomabkommen mit dem Iran und der Beendigung der Sanktionen entstanden sind. Putin unterlässt nichts, um den Israelis zu zeigen, dass er der bessere Partner ist. Auf diesem Wege kann er die Position des Westens weiter schwächen.

Vor allem durch das Dreieck Moskau-Teheran-Ankara ist eine völlig neue Ordnung im Nahen Osten entstanden. Eine, die vor allem den USA nicht schmecken wird, die gerade in dieser Region immer mehr an Dominanz verliert.

Putins Meisterstück wäre allerdings, wenn er – den durch die Europäer völlig entnervten – türkischen Staatspräsidenten Erdogan dazu bewegen könnte, die NATO zu verlassen. Kaum auszudenken, wie die EU und die USA dann reagieren würden. Das wäre der größte Schlag gegen das westliche Militärbündnis seit seinem Bestehen. Und das ganz ohne Waffen!

Gleichzeitig würde auch die Türkei ihren Platz finden. Denn bislang steht sie zwischen Brüssel, Moskau und den Staaten im Nahen Osten. So könnte sie sich endgültig für die Perspektive als islamischer Staat (zudem Erdogan ja unermüdlich drängt) unter islamischen Staaten entscheiden. Und durch die Neuorientierung Richtung Russland auch ihre Position auf der weltpolitischen Bühne verbessern.

Sie sehen:

Erdogan und Putin sind die Moderatoren einer Neuordnung im Nahen Osten. Der Westen kann dabei nur hilflos zuschauen, zetert und schäumt, ist aber angesichts der Furcht vor dem Kappen der alternativen Zufuhrwege der Rohstoffe völlig hilflos. Neue Flüchtlingsströme, die sich auf einen Wink von Erdogan hin nach Zentraleuropa ergeben könnten, spielen dabei zwar auch eine Rolle. Aber wie beschrieben – eben nur eine untergeordnete.

Verliert die NATO auch noch die Türkei als ihren wichtigsten Vorposten, hat Putin – jedenfalls in seinen Augen – alles richtig gemacht. Die ohnehin wirkungslosen Sanktionen des Westens gegen Russland lassen ihn kalt. Ebenso das Geschrei hinsichtlich der  für den Westen  widerrechtlichen Annexion der Krim. Auch der wichtige Partner der USA und der EU in der Region, Saudi-Arabien, ein erklärter Gegner des Iran, wäre ein Verlierer.

Drei Schlüsselnationen in einem Zweckbündnis – Russland, Türkei und Iran – das der EU und vor allem den USA alles andere als schmecken wird. Bleibt nur zu hoffen, dass Putins und Erdogans geostrategische Neuausrichtung im Nahen Osten dazu führt, das Geschwür des Terrors in Gestalt des Islamischen Staates endgültig von der Landkarte zu tilgen.

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[1] siehe Bild v. 10.08.16

Pipeline-Daten:
http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/suche,t=tuerkei-wird-zur-energiedrehscheibe-zwischen-europa-und-dem-osten,did=965756.html

http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/suche,t=tuerkei-wird-zur-energiedrehscheibe-zwischen-europa-und-dem-osten,did=965756.html

http://bit.ly/2bG1Vcx

http://www.sueddeutsche.de/politik/treffen-in-russland-erdoan-und-putin-rufen-neue-epoche-aus-1.3114090

http://www.trt.net.tr/deutsch/t%C3%BCrkei/2015/03/17/baubeginn-f%C3%BCr-tanap-erdgas-f%C3%BC-europa-187157

https://www.tagesschau.de/ausland/eu-tuerkei-abkommen-101.html

Trans-Adria-Pipeline macht Fortschritte“, in: AZERTAG – Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur v. 15. Februar 2016

E.ON beteiligt sich an Trans Adriatic Pipeline Projekt“, in: Verivox.de v. 20. Mai 2010

„US Encourages Greece to Stick to Non-Russia Pipeline Project„, in: New York Times v. 8. Mai 2015

Projektplan“, in: Trans-adriatic-pipeline.com

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/08/08/erdogan-bei-putin-der-westen-hat-uns-im-stich-gelassen/#cxrecs_s

http://de.sputniknews.com/politik/20160805/311976437/treffen-putin-erdogan-treffen-roadmap.html

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/08/06/nahost-russlands-neue-allianzen-lassen-den-westen-alt-aussehen/

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/08/09/putin-und-erdogan-halten-sich-bei-aussagen-zu-syrien-bedeckt/?nlid=d1d2bd96dc

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/08/09/putin-und-erdogan-halten-sich-bei-aussagen-zu-syrien-bedeckt/?nlid=d1d2bd96dc

http://bit.ly/2b3AN3i

http://bit.ly/2bqOSHm

Besar Likmeta: „Albania, Greece and Italy Reach Pipeline Agreement. The three Mediterranean countries signed a memorandum of understanding in New York on Thursday, granting political support to the Trans Adriatic Pipeline, TAP, project“, in: Balkan Insight v. 2. Oktober 2012

„Pipeline ‚Nabucco‘ gescheitert – Schwerer Schlag für OMV“ in: ORF.at v. 26. Juni 2013

„Staatliche Beihilfen: Kommission genehmigt Vereinbarung zwischen Griechenland und TAP über neue Erdgaspipeline nach Europa“, in: Pressemitteilung der Europäischen Kommission v. 3. März 2016.

International Energy Agency: „Caspian oil and gas: The supply potential of Central Asia and Transcaucasia“, OECD, Paris 1998

Charles van der Leeuw: „Oil and gas in the Caucasus & Caspian: A history“, Curzon, Richmond, Surrey 2000

John Roberts: „Caspian oil and gas: How far have we come and where are we going?“, in: „Oil, transition and security in Central Asia“, RoutledgeCurzon, London [u. a.] 2003

http://www.bp.com/content/dam/bp-country/az_az/PDFs/ESIAs/SD2/SD2_ESIA_NTS_Final_az.pdf