Der kalte Krieg taut auf – Tödliche Gefahren im Eis

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von Robert Sasse

Wir schreiben das Jahr 1959: die westlichen Mächte unter der Führung der USA befinden sich im kalten Krieg mit den Ostblockstaaten unter dem Kommando der damaligen Sowjetunion. Es war der Kampf zweier Ideologien, dem Kapitalismus auf der einen Seite und dem Kommunismus auf der anderen Seite.

Der Konflikt förderte politische, wirtschaftliche, technische und vor allem militärische Konfrontationen zutage. Als Reaktion auf den Atombombenabwurf über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki entstand ein beispielloses atomares Wettrüsten. Zwar kam es nicht zu einer offenen militärischen Auseinandersetzung, aber das gegenseitige Androhen eines möglichen Atomkrieges als Mittel zur „Abschreckung“ verfehlte nicht seine Wirkung. Zudem drohte der „kalte“ Krieg auch immer wieder zu einem „heißen“ Krieg auszuarten.[1]

Gefahr Atombasis – Camp Century

In eben dieser Hochphase des kalten Krieges errichteten die USA in der Eislandschaft der Insel Grönland eine geheime unterirdische Militärbasis. Tief unter der meterdicken Eisdecke entstand das sogenannte Camp Century. Der Stützpunkt bekam den Beinamen „Stadt unter dem Eis“ und dies auch aus gutem Grund: Insgesamt erstreckte sich das Gelände über eine unterirdische Fläche von 55 Hektar, zum besseren Verständnis rund 80 Fußballfeldern. In dem Tunnelsystem befanden sich neben wissenschaftlichen Labors unter anderem eine Bibliothek, ein Krankenhaus, eine Kapelle und sogar ein Friseursalon. Rund 200 Menschen waren im Camp Century untergebracht und nahmen sich der eigentlichen Aufgabe des Lagers an, der Stationierung von 600 speziell konzipierten Nuklearraketen.

Für den Fall einer Eskalation des kalten Krieges sollten die Kernwaffen über das Polarmeer auf den Erzfeind UDSSR gerichtet werden. Hierzu wollte man in der Basis Schienensysteme verlegen, um die Sprengköpfe zu mehreren Abschusspunkten auf der Insel befördern zu können. Das Geheimprojekt der USA firmierte unter dem Namen „Project Iceworm“. [2]

Bei den wahren Absichten wurde die dänische Regierung, zu deren Hoheitsgebiet Grönland gehört, indes völlig im Unklaren gelassen. Die Regierung dachte, dass es sich um ein reines Forschungszentrum handeln würde, um wissenschaftliche Experimente unter arktischen Bedingungen zu simulieren. Erst viele Jahre später, im Jahr 1995, erfuhr Dänemark den wahren Beweggrund hinter der „Stadt unter dem Eis“.

Klimawandel bedroht mit Atommüll & Chemieresten

Doch die US-Militärs hatten die Rechnung ohne das raue unbeherrschbare Klima gemacht. Die Bewegungen der grönländischen Eisdecke setzten dem unterirdischen Tunnelsystem immer wieder zu, so dass das Projekt schließlich im Jahr 1963 abgebrochen werden musste. Die Basis wurde noch vier Jahre weiter betrieben und dann endgültig stillgelegt.[3] Auf umfangreiche Aufräumarbeiten wurde verzichtet, stattdessen wurde die Station sich selbst bzw. der Natur überlassen.

Man ging davon aus, dass das Eis und der ständige Schneefall schon sein Übriges tun und die Altlasten für ewig im Verborgenen lassen werde. Damals dachte noch niemand an Dinge wie den Klimawandel, Erderwärmung oder schmelzende Polarkappen.[4] Doch dies war eine verheerende Fehleinschätzung mit möglicherweise todbringenden Folgen für Mensch und Natur.

Denn die Fakten, die in einer Studie der kanadischen York University nun zutage gefördert wurden, lassen einem die Angst in die Glieder fahren. Ein Forschungsteam unter der Führung des kanadischen Klimaforschers und Gletscherexperten William Colgan hat den ehemaligen Militärstützpunkt genauer unter die Lupe genommen und die Erkenntnisse im Wissenschaftsmagazin „Geophysical Research Letters“ publiziert. Im Rahmen der Studie wurden auch alte Unterlagen der Armeeingenieure durchleuchtet. Ihre Inventarisierung der Rückstände hat ergeben, dass in den verlassenen Tunnelsystemen bis zum heutigen Tag 9.200 Tonnen Material zurückgeblieben sind. Hinzukommen rund 200.000 Liter Dieselöl und 240.000 Liter Abwasser.

Außerdem gibt es wohl Mengen an radioaktiv belastetem Kühlwasser, die seinerzeit für die Kühlung des eingesetzten Kernreaktors verwendet wurden. Immerhin wurde die Reaktorkammer im Jahr 1963 entfernt. Weiter ist die Rede von krebserregenden Giftstoffen – wie z.B. Polychlorbiphenyl (PCB), die unter der Eisdecke schlummern sollen.[5] PCB gelten schon bei geringen Mengen als hoch toxisch. Typische Vergiftungs-Symptome beim Menschen sind Haarausfall, Leberschäden und eine Schädigung des Immunsystems. Außerdem kann die geistige und körperliche Entwicklung durch PCB beeinträchtigt werden. Bei Männern und männlichen Tieren fördert PCB Unfruchtbarkeit und weitere hormonell bedingte Krankheiten.[6]

Eine tickende Zeitbombe

Noch wird dieser Giftmüllberg von rund 30 Metern Eis bedeckt. Doch die Erderwärmung schreitet in großen Schritten voran, besonders die Arktis-Region ist hiervon betroffen: die Forscher haben in Klimasimulationen ermittelt, dass die Altlasten im Jahr 2090 wieder freiliegen könnten. „Wenn das passiert, könnte der zurückgebliebene biologische, chemische und radioaktive Müll freigelegt werden und die Ökosysteme in der Umgebung stören“, schreibt ein besorgter William Colgan.[7] Doch schon „Jahrzehnte früher“ könnten die Giftstoffe in das marine Ökosystem gelangen, nämlich dann wenn sie mit unterirdischem Schmelzwasser in Kontakt kommen. Über das Schmelzwasser könnten die toxischen Materialien dann in die angrenzenden Ökosysteme hinausgespült werden.[8] Der Wissenschaftler prangert das verantwortungs- und sorglose Verhalten der früheren Generation an. „Die Menschen zwei Generationen vor uns haben ihren Müll überall in der Welt verteilt. Durch den Klimawandel wird dieser nach und nach sichtbar“, schrieb er.[9] Die Gefahr lauert also nicht nur in den unterirdischen Anlagen von Camp Century, sondern noch an vielen anderen Orten in der Welt.

Ganz aktuell ist das Beispiel mit Milzbrand-Erregern in Sibirien. Über jahrzehntelang waren die Keime in den Kadavern von Rentieren im Permafrostboden eingeschlossen, seit 75 Jahren trat die Krankheit in Russland nicht mehr in Erscheinung. Doch mit dem Klimawandel werden sie nun immer häufiger freigelegt. Mindestens eine Person ist in der Region seither an Milzbrand gestorben.[10]

Nach Ansicht von William Colgan könnte die Aufarbeitung der Altlasten auch zu politischen Spannungen führen, wenn die Frage aufkommt, wer für die Beseitigung zuständig sein soll. „Das birgt eine ganz neue politische Herausforderung, über die wir uns Gedanken machen müssen“, heißt es.[11] Eines steht außer Frage, ganz egal wer, irgendjemand muss die Verantwortung übernehmen. Das sind wir der Erde und den nachfolgenden Generationen schuldig.

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[1] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Kalter_Krieg#Wettr.C3.BCsten

[2] Vgl. http://www.stern.de/digital/technik/camp-century–us-militaerbasis-birgt-radioaktives-erbe-unter-groenlands-eis-7002376.html

[3] Vgl. http://www.stern.de/digital/technik/camp-century–us-militaerbasis-birgt-radioaktives-erbe-unter-groenlands-eis-7002376.html

[4] Vgl. http://www.focus.de/wissen/klima/arktis-eis-droht-zu-schmelzen-forscher-fuerchten-unmengen-an-giftigem-sowjet-muell-koennte-freigelegt-werden_id_5796620.html

[5] Vgl. http://www.focus.de/wissen/klima/arktis-eis-droht-zu-schmelzen-forscher-fuerchten-unmengen-an-giftigem-sowjet-muell-koennte-freigelegt-werden_id_5796620.html, http://www.stern.de/digital/technik/camp-century–us-militaerbasis-birgt-radioaktives-erbe-unter-groenlands-eis-7002376.html

[6] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Polychlorierte_Biphenyle#Eigenschaften

[7] Vgl. http://www.focus.de/wissen/klima/arktis-eis-droht-zu-schmelzen-forscher-fuerchten-unmengen-an-giftigem-sowjet-muell-koennte-freigelegt-werden_id_5796620.html

[8] Vgl. http://www.stern.de/digital/technik/camp-century–us-militaerbasis-birgt-radioaktives-erbe-unter-groenlands-eis-7002376.html, http://www.tagesspiegel.de/wissen/camp-century-auf-groenland-umweltgefahr-aus-dem-kalten-krieg/13980878.html

[9] Vgl. http://www.focus.de/wissen/klima/arktis-eis-droht-zu-schmelzen-forscher-fuerchten-unmengen-an-giftigem-sowjet-muell-koennte-freigelegt-werden_id_5796620.html

[10] Vgl. http://www.stern.de/digital/technik/camp-century–us-militaerbasis-birgt-radioaktives-erbe-unter-groenlands-eis-7002376.html

[11] Vgl. http://www.media.uzh.ch/de/medienmitteilungen/2016/Camp-Century.html