In weniger als einem Jahrhundert gibt es keine Wälder mehr!

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von Volker Hahn

Die Erde ist ein so faszinierender Planet, auf dem die wunderbarsten Naturlandschaften entstehen  konnten. Sie ist Heimat von so vielen verschiedenen Pflanzen- und Tierarten. Gerade die unberührten Wildgebiete zeugen von der ungeheuren Schöpfungskraft von Mutter Natur. Doch die Lage ist ernster und dramatischer als man denkt. Durch den Einfluss des Menschen werden die Wildgebiete in einem besorgniserregenden Tempo zerstört. Wie dramatisch sich das Ganze zuträgt, illustriert eine aktuelle Studie eines Forschungsteams aus den USA, Kanada und Australien unter Leitung des Umweltforschers James Watson (Current Biology: Watson et al., 2016).

Seit den 90er Jahren wurden Wildgebiete von der doppelten Größe Alaskas vernichtet

Die Forscher kommen zu dem alarmierenden Ergebnis, dass die Wildnis seit den frühen 90er Jahren um ein Zehntel geschrumpft ist. In Zahlen ausgedrückt, sollen mehr als 3 Mio. Quadratkilometer der als wild angesehenen Landareale vernichtet worden sein. Dies entspricht einer Fläche von der doppelten Größe Alaskas.[1] Besonders dramatisch stellt sich die Lage im Amazonasgebiet dar, auf das etwa 30 Prozent der zerstörten Wildgebiete entfallen. Wo früher Regenwälder exotischen Tieren Heimat und Schutz geboten haben, finden sich nun gigantische Palmölfelder und Sojaplantagen.[2] Die Autoren bezeichneten die fortschreitende Zerstörung des Regenwaldes als „besorgniserregend“, gerade im Hinblick darauf, dass sich das Tempo der allgemeinen Entwaldung abgeschwächt hat.

Die brasilianischen Bemühungen der letzten Jahre, die Zerstörung der Waldgebiete einzudämmen, haben bislang noch keinen durchschlagenden Erfolg gezeitigt.[3] In eine ähnliche Kerbe schlägt auch der Chef-Sekretär der brasilianischen Klima-Beobachtungsstation, Carlos Rittl: „Unsere Klimavereinbarung von Paris zur Entwaldung ist auf beschämende Weise schwach – wir haben uns darauf geeinigt, erst bis 2030 die illegale Abholzung und nur im Amazonasgebiet zu beenden – und wir haben nicht einmal einen Plan, wie das gehen soll. Brasilien wird das Abkommen von Paris am kommenden Montag ratifizieren. Wenn es der Regierung wirklich ernst damit ist, dieses Langzeitziel zu erreichen, sollte sie das totale Ende der Entwaldung ins Auge fassen“, beklagte er Anfang September.

Gorillas und Schimpansen verlieren ihre Wildnis

Ebenfalls von einer starken Zerstörungskraft betroffen sind die Wildgebiete in zentralafrikanischen Ländern. Auf diese Zone entfallen 14 Prozent der beobachteten Wildnis-Zerstörung. Die Forscher stellten fest, dass im westlichen Kongobecken der Wald in den Niederungen durch die Eingriffe der Menschen nicht mehr als Wildgebiet von Weltbedeutung angesehen werden kann. Dies ist besonders dramatisch, wenn man bedenkt, dass dieses Areal nach Angaben des WWF mehr Gorillas und Schimpansen beheimatet als jedes andere Gebiet auf der Welt.[4]

Inzwischen werden nur noch 23 Prozent der gesamten Landfläche unseres Planeten als Wildgebiete anerkannt

Watson und seine Forschungskollegen bewerteten im Rahmen ihrer Studie nur solche Gebiete als echte Wildnis, die weitestgehend unberührt vom Menschen geblieben sind. Den Status eines Wildgebiets erlangten nur solche Gegenden, in denen nur wenige bzw. gar keine Menschen leben. Hiervon ausgenommen sind die inmitten der Natur lebenden indigenen Völker. Verstädterung, Straßen, Ackerbau, nächtliches Licht und selbst Windräder disqualifizierten die betrachteten Gebiete als Wildnis. Die Weltmeere und die Arktis wurden von vornherein von der Analyse ausgeschlossen.[5] Unter Berücksichtigung dieser Kriterien existieren auf der Erde Stand heute noch Wildgebiete mit einer Fläche von 30 Mio. Quadratkilometern. Für das bessere Verständnis entspricht dies etwa 23 Prozent der gesamten Landfläche unseres Planeten. Die meisten dieser Ländereien entfallen auf Waldgebiete im Norden Kanadas, Wüsten- und Waldflächen in Australien, Wälder in der Tiefebene Asiens und Gebiete in den afrikanischen Tropen.

In weniger als einem Jahrhundert gibt es keine Wildgebiete mehr

Nun müssen die Zeichen der Zeit erkannt werden, um diese verbleibenden Wildgebiete zu erhalten. Geschieht dies nicht und geht der Zerstörungs-Trend ungebremst weiter, könnten auch diese Areale „in weniger als einem Jahrhundert“ unwiderruflich verloren sein, rechnen Watson und sein Forschungsteam vor.[6] Dies hätte dramatische Folgen für bedrohte Tierarten, indigene Völker und nicht zuletzt für das Erdklima. „Es geht nicht einfach nur eine Fläche verloren, sondern jeder Verlust hat Auswirkungen auf andere globale Prozesse“, erklärt der Biologe Reinhard Klenke vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung.[7] Die verbliebenen Wildgebiete sind die Heimat von rund ein Drittel aller am Land lebenden Säugetiere.

Darunter befinden sich zahlreiche Arten, die als stark gefährdet gelten. Orang-Utans leben in den Wäldern Borneos und Sumatras, Schimpansen, Gorillas und Okapis in den tropischen Zonen Zentralafrikas. Ozelots, Jaguare und Kolibris bevölkern Gegenden im Amazonasgebiet. Wenn ihr Lebensraum verschwindet, werden auch die Tiere dem Untergang geweiht sein.[8] Auch die vielen indigenen Völker, die in Frieden in der Wildnis leben, würden ihr Zuhause verlieren. Schließlich wären auch die Folgen für das Weltklima katastrophal und würden alle Bemühungen, den Treibhauseffekt einzudämmen, ad absurdum führen. Denn die Bäume sind wichtige Kohlenstoff-Speicher. Vor allem in bewaldeten Moorgebieten lagern große Mengen des als Treibhausgas bekannten CO2s. An dieser Stelle sei an die Brandrodung in Borneo und Sumatra im Jahr 1997 erinnert, wodurch schätzungsweise 2,2 Mrd. Tonnen Kohlenstoffdioxid freigesetzt wurden. Dies entspricht in etwa 10 Prozent dessen, was die gesamte Menschheit pro Jahr ausstößt.[9]

Abgeholzte Regenwälder haben keine Chance auf Regeneration

Besonders dramatisch ist die Zerstörung bzw. Abholzung der Regenwälder, da diese quasi unwiderruflich verloren gehen. „Ein abgeholzter Regenwald etwa, kann sich nur schwer wieder erholen, da der größte Teil der Nährstoffe in der lebenden Biomasse gebunden ist“, sagt Reinhard Klenke. Bei der Abholzung bleibt nur ein nährstoffarmer und dünner Mineralboden zurück, der von Regenfällen schnell fortgespült werden kann. Damit sind die Voraussetzungen für die Entstehung von neuem Urwald äußerst schlecht.[10]

Uns bleiben nur noch ein oder zwei Jahrzehnte Zeit um den Planeten zu retten

Die Forscher wollen mit ihrer Studie wachrütteln und die Entscheidungsträger zum sofortigen Handeln drängen, denn es ist fünf vor zwölf. „Ohne irgendwelche Maßnahmen zum Schutz dieser Gebiete fallen sie diesem verbreiteten Trend zum Opfer. Wir haben vielleicht nur noch ein oder zwei Jahrzehnte Zeit, um dies noch zu verhindern“, sagt der führende Autor James Watson zur fortschreitenden Wildnis-Vernichtung der Wildnis.[11] Die bisherigen Maßnahmen reichen definitiv nicht aus, um die Zerstörung dieser einzigartigen Ökosysteme aufzuhalten. „Umweltschutzmaßnahmen versagen beim Schutz der Wildgebiete weltweit. Obwohl sie Bollwerke für die gefährdete biologische Vielfalt sind, das Klima regulieren und viele indigene Völker versorgen, verschwinden sie vor unseren Augen“, sagt Professor William Laurance von der James-Cook-Universität in Queensland.[12]

Ein klares Umdenken MUSS stattfinden! – Sowohl in der Politik, als auch bei jedem einzelnen Bürger

Watson und seine Studienkollegen appellieren an die Politik, zum Erhalt der Wildgebiete Weisungen zu erteilen, um die betroffenen Areale klar als Schutzgebiete zu deklarieren. Bislang haben diese Vorkehrungen zu kurz gegriffen, denn die Zerstörung der Wildgebiete schreitet mit  3,3 Mio. Quadratkilometern schneller voran als dass diese als Schutzgebiete deklariert werden (nur 2,5 Mio. Quadratkilometer).[13] Die Autoren betonen, dass sie „(…)Sofortmaßnahmen zur Rettung der verbliebenen Wildgebiete im großen Rahmen ohne jeglichen Aufschub für unabdingbar und absolut notwendig erachten. Das betrifft auch weltweite Gremien zur Entwicklung von Strategien“.[14]

Auch bei jedem einzelnen Bürger muss ein klares Umdenken stattfinden, denn die vielen Palmölplantagen entstehen ja nicht aus einer bloßen Laune heraus, sondern um den weltweiten Konsum zu stillen. Ins gleiche Horn bläst auch Reinhard Klenke. „Es reicht nicht aus, sich nur auf die Probleme vor Ort zu konzentrieren. Ohne unser Konsumverhalten würde es zum Beispiel die Abholzungen im Regenwald so nicht geben.“[15] Auch der strategische Leiter des WWF in Großbritannien nimmt jeden Einzelnen in die Pflicht. „(…). Wir Menschen müssen lernen, unseren Planeten wirklich wertzuschätzen, und endlich aufhören, ständig unsere Meere, Flüsse, Wälder und Wildgebiete auszubeuten“, sagt er.

 

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[1] Vgl. http://www.zeit.de/wissen/2016-09/naturschutz-erde-wildnis-landflaeche-naturschutzkonferenz

[2] Vgl. http://www.zeit.de/wissen/2016-09/naturschutz-erde-wildnis-landflaeche-naturschutzkonferenz

[3] Vgl. https://netzfrauen.org/2016/09/11/einer-studie-zufolge-haben-die-menschen-innerhalb-von-25-jahren-ein-zehntel-der-wildnis-weltweit-zerstoert-humans-have-destroyed-a-tenth-of-earths-wilderness-in-25-years-study/

[4] Vgl. https://netzfrauen.org/2016/09/11/einer-studie-zufolge-haben-die-menschen-innerhalb-von-25-jahren-ein-zehntel-der-wildnis-weltweit-zerstoert-humans-have-destroyed-a-tenth-of-earths-wilderness-in-25-years-study/

[5] Vgl. http://www.zeit.de/wissen/2016-09/naturschutz-erde-wildnis-landflaeche-naturschutzkonferenz

[6] Vgl. https://netzfrauen.org/2016/09/11/einer-studie-zufolge-haben-die-menschen-innerhalb-von-25-jahren-ein-zehntel-der-wildnis-weltweit-zerstoert-humans-have-destroyed-a-tenth-of-earths-wilderness-in-25-years-study/

[7] Vgl. http://www.zeit.de/wissen/2016-09/naturschutz-erde-wildnis-landflaeche-naturschutzkonferenz

[8] Vgl. http://www.zeit.de/wissen/2016-09/naturschutz-erde-wildnis-landflaeche-naturschutzkonferenz

[9] Vgl. http://www.zeit.de/wissen/2016-09/naturschutz-erde-wildnis-landflaeche-naturschutzkonferenz

[10] Vgl. http://www.zeit.de/wissen/2016-09/naturschutz-erde-wildnis-landflaeche-naturschutzkonferenz

[11] Vgl. https://netzfrauen.org/2016/09/11/einer-studie-zufolge-haben-die-menschen-innerhalb-von-25-jahren-ein-zehntel-der-wildnis-weltweit-zerstoert-humans-have-destroyed-a-tenth-of-earths-wilderness-in-25-years-study/

[12] Vgl. https://netzfrauen.org/2016/09/11/einer-studie-zufolge-haben-die-menschen-innerhalb-von-25-jahren-ein-zehntel-der-wildnis-weltweit-zerstoert-humans-have-destroyed-a-tenth-of-earths-wilderness-in-25-years-study/

[13] Vgl. https://netzfrauen.org/2016/09/11/einer-studie-zufolge-haben-die-menschen-innerhalb-von-25-jahren-ein-zehntel-der-wildnis-weltweit-zerstoert-humans-have-destroyed-a-tenth-of-earths-wilderness-in-25-years-study/

[14] Vgl. https://netzfrauen.org/2016/09/11/einer-studie-zufolge-haben-die-menschen-innerhalb-von-25-jahren-ein-zehntel-der-wildnis-weltweit-zerstoert-humans-have-destroyed-a-tenth-of-earths-wilderness-in-25-years-study/

[15] Vgl. http://www.zeit.de/wissen/2016-09/naturschutz-erde-wildnis-landflaeche-naturschutzkonferenz