Warum deutsche Kinder in Armut leben!

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von Volker Hahn

In Deutschland muss kein Mensch verhungern, heißt es. Das stimmt und sollte für eines der reichsten Länder der Welt eine Selbstverständlichkeit sein. Genauso eine Selbstverständlichkeit sollte es sein, dass Kinder nicht hungern müssen – stimmt auch und ist doch nur die halbe Wahrheit. Denn Millionen Kinder in Deutschland leben unterhalb der Armutsgrenze und werden ihrer Chance auf ein glückliches Leben beraubt – einfach weil sie in armen Verhältnissen aufwachsen. Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit trägt jetzt amtliche Zahlen.

Mindestens 2 Millionen Kinder in Deutschland sind von Hartz IV abhängig

Denn mindestens jedes siebte Kind ist von Hartz IV abhängig, obwohl es selbst nicht das Geringste dafür kann. Insgesamt sprechen wir hier von mindestens 2 Millionen junger Menschen in unserem Land, deren Zukunft höchst gefährdet ist und deren Gegenwart aus Nachteilen und massiven Einschränkungen besteht. Die Zahl stammt von der Bundesagentur für Arbeit. Sie besagt genauer, dass alleine im Jahr 2015 im Durchschnitt 1,54 Millionen Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren von dieser sozialen Katastrophe betroffen waren.

Im Osten unserer Republik waren es 20,3%, im Westen 13%, die abhängig von Hartz IV sind. Obwohl sie sich erst noch in einer Ausbildung befinden. Die Armut der Eltern prägt das Leben der Kinder und nimmt ihnen die Zukunftschancen. Und die Zahl dürfte noch untertrieben sein, hat doch zum Beispiel das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung in einer Studie zur Kinderarmut in Deutschland die Zahl der Betroffenen mit rund 2,47 Millionen Mädchen und Jungen beziffert, die als arm oder armutsgefährdet gelten. (1)

Das wären sage und schreibe alleine rund 19% aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland, also fast ein Viertel unseres Nachwuchses, dem die Zukunftschancen geraubt werden! Einen solchen Skandal kann sich auf Dauer keine entwickelte Gesellschaft leisten, wenn sie zukunftsfähig sein möchte. Ganz abgesehen von Ungerechtigkeiten, die so in einem Sozialstaat nicht vorkommen dürfen.

Die meisten dieser Kinder stecken über lange Zeiträume in der Armut fest

Das größte Armutsrisiko ist dabei genau berechenbar, denn es trifft eindeutig den Nachwuchs von Alleinerziehenden und aus besonders kinderreichen Familien. Kein Wunder, dass sich in Deutschland die Erwachsenen bei der Nachwuchsplanung auffallend zurückhalten und gerade Frauen in Grübeln kommen. Von allen Hartz IV- Abhängigen lebte 2015 immerhin jedes 2. Kind bei einem alleinerziehenden Eltern-Teil (das sind nun mal meist Frauen!). Regional betrachtet besteht das größte Risiko in der Hauptstadt, bei den Ländern im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen und bezogen auf die Einwohnerzahl im armen Bremerhaven. Dort ist mit 40% fast die Hälfte aller Kinder von Armut betroffen. Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten dieser Kinder nicht nur kurze Zeit, sondern über lange Zeiträume in der Armut feststecken und die Folgen desto schlimmer werden. Im Durchschnitt sind 57,2% der betroffenen Kinder und Jugendlichen sogar länger als drei Jahre auf Hartz IV und die staatliche Hilfe angewiesen! (2)

Schwere Folgen für die Zukunft

Die Stigmatisierung wächst mit jedem Jahr und verfestigt sich. Fast wie ein Brandmal brennt sich das nicht nur in die Köpfe, sondern vor allem in die Seelen der Kinder ein. Und macht ihre Zukunft ungleich schwerer als die unbelasteter Kinder. Es geht dabei um eine Vielzahl, zum Teil nur schwer messbarer, zum Teil aber auch klar belegbarer Nachteile. Dazu gehören soziale Nachteile ebenso wie gesundheitliche Probleme. Vor allem aber auch handfeste Nachteile bei der Bildung und damit im weiteren Leben auf dem Arbeitsmarkt.

Wenn man sich das genauer ansehen möchte, dann gibt es dazu eine Vielzahl von nationalen und internationalen Studien. Wissenschaftler haben sich mit diesen Fragen vielfach kritisch beschäftigt. „Als arm gelten nach gängiger wissenschaftlicher Definition Haushalte, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des sogenannten bedarfsgewichteten mittleren Nettoeinkommens beträgt.“ (3)

Ein auswegloser Teufelskreis

Das klingt zunächst einmal nüchtern. Doch es bedeutet in der Realität für betroffene Familien erhebliche Einbußen, für die Kinder oft den Ausschluss vom normalen Leben ihrer Klassenkameraden und in der Folge soziale Isolation. Die Praxis sieht dann im Bezug auf die Schule oft so aus, dass solche Kinder – vor allem, wenn die Armut länger andauert – in einen wahren Teufelskreis geraten. Es wird an der Ernährung gespart, was oft gesundheitliche Probleme mit sich bringt. Die von daheim mit in die Schule gebrachten Fähigkeiten sind vielfach geringer als die Gleichaltriger, weil die Eltern aus sozial schwachen Familien oft keine Zeit (oder Lust) haben, ihre Kinder zu unterstützen.

Das kann echte und massive Entwicklungsstörungen zur Folge haben. In der Schule selbst setzt sich das dann oft fort und verschlimmert sich noch durch die soziale Isolation. Weil Kinder aus armen Familien oft nicht mithalten können und entsprechend nicht mit dabei sind. Wer hätte das als Elternteil nicht schon einmal in der Schule selbst mitbekommen, wie so etwas läuft. Viele kleine Dinge kommen da zusammen: Arme Kinder laden andere Kinder ungern nach Hause ein oder können das mangels Raum auch gar nicht. Sie haben oft kein Geld für Freizeitaktivitäten und schon gar nicht für Dinge wie den Fußballverein oder eine Musikschule. Auch Ausflüge mit anderen Kindern fallen oft weg und mit der sozialen Isolation wächst auch das Gefühl der Ausgeschlossenheit.

Ein Umdenken muss stattfinden! – Kinder sind unsere Zukunft

Kinderarmut im reichen Deutschland bedeutet deshalb nicht zuletzt ein mangelndes Selbstbewusstsein der betroffenen Kinder und insgesamt einen deutlich schlechteren Start ins Leben. Das setzt sich fort und aus armen Kindern werden dann oft wieder arme Erwachsene. Damit das nicht so bleibt, fordern Wissenschaftler und Verbände ein Umdenken und Umsteuern. Das betrifft Veränderungen bei der Grundsicherung von Kindern ebenso wie mehr Teilhabemöglichkeiten für sozial benachteiligte und arme Menschen. (4)

Wir müssen uns daran erinnern, dass Kinder unsere Zukunft sind. Deshalb dürfen wir kein Kind in diesem Land verloren geben! Keine Zeit und kein Geld sind besser investiert als in die Zukunft unseres Nachwuchses!

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