Krankenhäuser: So werden multiresistente Todesmaschinen gezüchtet!

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von Volker Hahn

1928: Der schottische Bakteriologe entdeckt das Penicillin. Was folgt ist eine beispiellose Entwicklung von hunderttausenden Antibiotika und Medikamenten. Die Pharmakonzerne schießen aus dem Boden wie Pilze, Millionen von Leben können erfolgreich gerettet werden. Bis dato unheilbare Krankheiten, wie Tuberkulose, Scharlach oder die Pest, übertragen durch Bakterien, kann nach und nach Einhalt geboten werden.

Doch inzwischen droht eine der größten Entdeckungen der Weltgeschichte langsam aber sicher zum Bumerang zu werden. Die Bakterien, durch tausendfache Teilungen mutiert, beginnen in den letzten Jahren vermehrt Resistenzen gegen die handelsüblichen Antibiotika aufzuweisen. Krankheiten, die vorher mit einem Arztbesuch und ein paar Tabletten erfolgreich bekämpft werden konnten, lassen sich mit immer öfter nicht einfach im Keim ersticken. Die Gesundheitssysteme in Europa zahlen Millionen von Euro für die Folgen der Erreger.

Bereits vor Jahren wurde diese Entwicklung deutlich. Doch bis auf wenige Fälle, an denen die Tatsachen ungeschönt ans Licht kamen, wird nach wie vor viel der aktuellen Situation auf dem Medikamentenmarkt von Ärzten, Krankenhäusern und der Pharmaindustrie überspielt. Dass die Götter in Weiß nicht gerne Fehler oder gar Unwissen eingestehen, ist in gewisser Weise verständlich. Wer würde denn auch ein zweites Mal zu einem Arzt gehen, der einem klipp und klar sagt: „Ich habe nicht den blassesten Schimmer, warum Ihr Kind noch immer an dieser Infektion leidet:“?

Bremen 2011 – Babys sterben an multiresistenten Keimen

Ein schrecklicher Vorfall kam schließlich im Jahr 2011 dennoch ans Licht und erregte Landesweit auch große Aufmerksamkeit in den Medien: In einem Bremer Krankenhaus starben auf der Frühchen Station drei Babys – an multiresistenten Keimen, wie sich später herausstellen sollte.(1)

Grund dafür war nach offiziellen Angaben ein schlichter Hygienemangel. Dass ein möglicherweise leichter Flüchtigkeitsfehler so sofort tödliche Konsequenzen haben kann, zeigt, dass mit den multiresistenten Keimen nicht zu spaßen ist.

Doch was bedeutet multiresistent eigentlich genau? Wie entstehen solche Resistenzen?
Im Grunde bedeutet resistent so viel wie widerstandsfähig. Als multiresistent wird ein Keim respektive Bakterium bezeichnet, wenn es sich als widerstandfähig gegen verschiedene eingesetzte Behandlungsmethoden erweist. Dies geschieht wie in der Evolutionsbiologie üblich. Diejenigen Bakterien, die durch zufällige Veränderungen (Mutationen) in ihrem Erbgut unempfindlich gegenüber den für sie schädlichen Stoffen sind, überleben – und vermehren sich weiter. Die nachfolgende Generation ist dann ebenfalls unempfindlich und entwickelt gegebenenfalls neue, eigene Resistenzen.(2)

Würde man das 1928 von Alexander Fleming entdeckte Penicillin heute einem durchschnittlichen Patienten geben, dann würde das diesen vermutlich so wenig gesund machen wie von einem Auto überfahren zu werden. Vielfach wurde das ursprüngliche Mittel schon weiterentwickelt. Doch beginnen die Keime schneller resistent zu werden, als man neue Antibiotika entwickeln kann.
Dazu folgendes Beispiel zu Veranschaulichung: Cephalosporin, ein β-Laktam-Antibiotika, befindet sich je nach Wirkungsweise inzwischen in der vierten (Entwicklungs-)Generation.(3)

Exzessiver Gebrauch von Breitspektrum-Antibiotika fördert die tödlichen Keime

Multiresistente Keime treten natürlich dort auf, wo auch viele Antibiotika eingesetzt werden, also überwiegend in den Industrienationen und dort am ehesten in Krankenhäusern. Viele Patienten müssen behandelt werden und der zeitlich effiziente Einsatz von Personal erfordert gewisse Abstriche in der Sorgfalt.

Gemeint sind damit sogenannte Breitspektrum-Antibiotika, wie das Cephalosporin. Diese erfassen mit ihrer antibakteriellen Wirkung ein breites Spektrum von Bakterien. Sie sind sozusagen Allrounder, die gerne eingesetzt werden, wenn man nur einen unbestimmten Verdacht auf eine bakterielle Erkrankung hat und nicht genau weiß, worunter der Patient eigentlich genau leidet.

Solche „Reserveantibiotika“ werden unter anderem auch deshalb gerne verabreicht, weil sie schlicht und einfach nur noch wenige Cent pro Tablette kosten, während andere Medikamente deutlich mehr kosten (zum Beispiel um die hohen Kosten einer langjährigen Entwicklung wieder hereinzuholen).(4)

In Deutschland werden schätzungsweise 250-300 Tonnen Antibiotika jährlich verabreicht, ein Fünftel bis ein Viertel davon sind eben jene Breitspektrum-Antibiotika.(5) Wer sich solche Zahlen ansieht, erkennt schnell, dass der exzessive Gebrauch der Breitspektrum-Antibiotika zu Problemen führt. Gerade in den Krankenhäusern wird man auf Kurz oder Lang vor dem Problem stehen, dass die Patienten nicht auf die Medikamente anspringen. Ein Fall wie in Bremen vor wenigen Jahren ist dann plötzlich kein landesweit aufsehenerregender Fall mehr, sondern Alltag.

Jeder Zehnte hat bereits multiresistente Keime im Körper

Erschreckenderweise hat eine jüngst in Köln durchgeführte Studie enthüllt, dass fast jeder zehnte der Probanden multiresistente Darmbakterien in sich trug, und zwar bevor er ins Krankenhaus kam.(6) Gelangen diese irgendwie vom Darm in die Blutbahnen oder die Lunge, kann man mit regulären Medikamenten nichts ausrichten.

Einer der bekanntesten Fälle von multiresistenten Keimen ist der Methicillin-resistente Erreger Staphylococcus aureus (MRSA). (7) Er kommt auf der Haut und den Schleimhäuten der oberen Atemwege vor. Im schlimmsten Fall verursacht er Atemwegs- und Harnwegsinfektionen oder führt zu Entzündung von Organen. Schätzungen zufolge gibt es jährlich etwa 170 000 MRSA-Infektionen in Europa. Mehr als 5 000 Menschen sterben an den Folgen der Infektionen, die zusätzlichen Kosten für die Gesundheitssysteme belaufen sich auf circa 380 Millionen Euro.(8)

Und dabei bildet der MRSA Erreger lediglich die Spitze des Eisberges. Andere Erreger gelangen über die Nutztierhaltung in den Menschen: Wer weiß, wie vollgepumpt das handelsübliche Stück Putenbrust mit Medikamenten ist, mag sich ausmalen, wie viele multiresistente Keime darin lauern.

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(1): http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/tote-fruehchen-an-bremer-klinik-pruefer-entdeckten-schwere-fehler-a-870719.html

(2): http://www.multiresistente-erreger.de/was-sind-mre.html

(3): http://www.urologielehrbuch.de/cephalosporine.html

(4): http://www.pharmazeutische-zeitung.de/?id=40119

(5): http://www.pharmazeutische-zeitung.de/?id=40119

(6): http://www.handelsblatt.com/technik/medizin/studie-viele-klinikpatienten-bringen-multiresistente-keime-mit/14015652.html

(7): http://www.multiresistente-erreger.de/was-sind-mre.html

(8): https://www.aerzteblatt.de/pdf/108/45/m761.pdf