Notaufnahmen überlastet: brutale Übergriffe und mehr Patienten

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von Volker Hahn

Jeder der schon einmal in der Notaufnahme war, kennt das Problem. Ein Dutzend weiterer Patienten sitzen ebenfalls dort und warten auf ihren Aufruf. Doch mit einer akuten Blutvergiftung oder ähnlichem stundenlang darauf zu warten, dass sich ein Arzt das ansehen kann, kann für die oder den Patienten/in schwerwiegende Folgen haben!

In Deutschland zeichnet sich in den letzten Jahren eine immer deutlichere Folge des zwei-Klassen Gesundheitssystems ab. Bis zu 25 Millionen Patienten strömen Jahr für Jahr in die Notaufnahmen der Krankenhäuser.(1) Immer mehr Patienten gehen im Zweifelsfall lieber in die Notaufnahme, als bei einem Facharzt wochen- oder gar monatelang auf einen Termin zu warten. Denn dort bekommt man eine direkte Diagnose des Problems und gegebenenfalls auch Medikamente.

Das erschreckende an diesen Zahlen ist: gut ein Drittel der Patienten in den Krankenhäusern leiden nicht an schwerwiegenden Verletzungen oder Vergiftungen oder ähnlichem und werden in dem Krankenhaus ambulant behandelt. Sprich, nach der Behandlung gehen sie wieder nach Hause. Dabei könnten diese Patienten auch von einem regulären Arzt behandelt werden.

Patienten müssen wochenlang auf Termine warten – und gehen lieber in die Notaufnahme

Seltsamerweise scheinen viele der Patienten nicht mehr so recht zu wissen, wann ein Besuch beim Notarzt angebracht ist und wann man noch bis zur nächsten regulären Sprechstunden bei einem regulären Arzt warten kann. Der Begriff „Notfallpatient“ wird dabei per Definition eigentlich folgendermaßen verstanden: „Personen, die sich infolge einer Erkrankung, Verletzung, Vergiftung oder aus sonstigen Gründen in unmittelbarer Lebensgefahr befinden oder bei denen diese zu erwarten ist oder bei denen schwere gesundheitliche Schäden zu befürchten sind, wenn keine schnellstmögliche notfallmedizinische Versorgung oder Überwachung und gegebenenfalls eine Beförderung zu weiterführenden diagnostischen oder therapeutischen Einrichtungen erfolgt.“(2)

Der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall-und Akutmedizin (DGINA) zufolge stellten sich etwa 37% der Patienten eigeninitiativ in Notaufnahmen vor. Jedoch waren nur etwa 10 bis 20 % in Lebensgefahr.(3) Geht man dann bei einer Blasenentzündung Freitagabend ins Krankenhaus, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man die Notaufnahme verstopft und mit Leuten, die mit einer schweren Schnittverletzung eingeliefert werden, gewissermaßen um den Behandlungsplatz konkurriert. Natürlich werden letztere Patienten vorgezogen und schneller behandelt. Doch für einen Arzt, der bereits seit über 16 Stunden am Arbeiten ist, bedeutet jeder Patient zusätzlichen Stress. Das wirkt sich längerfristig negativ auch die wirklichen Notfälle aus.

Ambulante Behandlung von Patienten defizitär für Krankenhäuser

 Laut dem Statistischen Bundesamt waren es im Jahre 1991 jährlich noch 14.576.613 Patienten, die ein Krankenhaus besucht haben und stationär behandelt wurden, 2015 waren es bereits 19.239.574 Patienten. Demnach ist die Zahl der Patienten etwa um 1% jährlich gestiegen.(4)

In den Notaufnahmen waren es jährlich etwa 4 bis 9 % mehr Patienten.(5) Die Krankenhäuser müssen demnach immer öfter und mehr Patienten versorgen. Das bedeutet auch, dass man Ärzte und anderes Personal auch am Wochenende immer im Einsatz haben muss – und das ist bei ambulant behandelten Patienten in der Regel in Verlustgeschäft. Während man pro Patient etwa 40 Euro von den Krankenkassen bekommt, entstehen Kosten in Höhe von etwa 100 Euro.(6)

Führt man sich vor Augen, welche Kosten hochgerechnet dadurch verursacht werden, dass Menschen schlicht und ergreifend zu wenig Wissen über einfache Krankheiten haben (manchmal reichen ein Wadenwinkel und Ruhe bei Fieber auch einfach aus), ist es schon ein Unding. Ganz zu schweigen davon, dass wirkliche Notfälle dadurch in Gefahr geraten, später behandelt zu werden!

Der VDEK, der Verband der Ersatzkassen e. V., hat sich eine sinnvolle und einfache Lösung für das Problem ausgedacht, die bereits Anfang des Jahres in Kraft getreten ist. Der Verband fordert eine bundesweite und flächendeckende Errichtung sogenannter Portalpraxen. Darunter versteht der Verband eine Anlaufstelle für die Patienten, wo von Fachleuten beurteilt wird, ob in jedem Einzelfall eine Notfallversorgung notwendig ist. Oder ob der Patient auch noch bis zum nächsten regulären Termin beim Facharzt warten kann. Dabei sind verlässliche Öffnungszeiten und klar definierte Zuständigkeiten der Portalpraxen unerlässlich.

Brutale Übergriffe auf Krankenhausmitarbeiter

Doch damit sind längst nicht alle Probleme gelöst: Inzwischen fordert die Bundesärztekammer (BÄK) eine engere Zusammenarbeit der Kassen- und Klinikärzten gefordert. Der Grund dafür waren vermehrte Übergriffe auf das Krankenhauspersonal. Allein das Diakonissenkrankenaus in Karlsruhe berichtete von etwa 970 Übergriffen, bei deinen in 42 Fällen Mitarbeiter verletzt wurden.(7)

Inzwischen benötigen viele Klinken ein eigenes Wachpersonal und gesondertes Training für die Mitarbeiter, um solche Situationen souverän lösen zu können. Es wird sich zeigen, ob der Bund und die Länder da noch länger tatenlos zusehen wollen. Früher oder später könnten die Krankenhäuser unter diesen Belastungen zusammenbrechen.

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(1): https://www.aqua-institut.de/aqua/upload/CONTENT/Projekte/eval_forsch/Gutachten_Notfallversorgung.pdf

(2): https://www.aqua-institut.de/aqua/upload/CONTENT/Projekte/eval_forsch/Gutachten_Notfallversorgung.pdf

(3): https://www.aqua-institut.de/aqua/upload/CONTENT/Projekte/eval_forsch/Gutachten_Notfallversorgung.pdf

(4): https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Gesundheit/Krankenhaeuser/Tabellen/KrankenhaeuserJahreOhne100000.html

(5): https://www.aqua-institut.de/aqua/upload/CONTENT/Projekte/eval_forsch/Gutachten_Notfallversorgung.pdf

(6): http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2016-09/gesundheit-notaufnahme-patienten-ueberfuellung-vdek-gutachten

(7): http://www.n-tv.de/panorama/Aerzte-fordern-Security-fuer-Notaufnahmen-article19011286.html